... vom Mythos der rasierten Beine

Die gefährdetste Stelle am Radsportler ist das Knie. Und zwar an der Außenseite, da wo die Kniescheibe ansetzt und der Wadenbeinkopf eine kleine Erhebung bildet. Spätestens beim zweiten schmerzhaften Schnitt in der Kniegegend tränen die Augen und die philosophische Grundfrage nach dem "Warum?" des Rasierens der Beine wird unabweisbar.

Eine häufig vertretene Ansicht lautet, die Haarlosigkeit erleichtere bei Radprofis die abendliche Massage und verhindere dabei drohende Haarwurzelentzündungen. Aber das hilft mir persönlich nicht weiter. Wenn überhaupt, bekomme ich irgendwann mal eine Massage auf Krankenschein, gegen Kreuzschmerzen vom Bürohocken.

Der letzte Versuch, die Wadenglatze rationell zu rechtfertigen, setzt auf die Aerodynamik. Doch der Aero-Spezialist winkt kaltlächelnd ab und meint, die Verbesserung liege im Bereich der siebzehnten Stelle hinter dem Komma.

Dem vollgefederten Yougster, den ich an der Ampel zum Thema interviewe, reicht die Rotphase zur Antwort: "Die Mädels finden das geil!" Eine interessante Perspektive, aber die Zielgruppe sieht das differenzierter. Ergebnis der Kurzumfrage: Bei Dunkelhaarigen mit Neigung zu viel Wolle am Leib sei der Kontrast zwischen rasierten Beinen und dem unrasierten Rest abstoßend, bei schwach behaarten hellen Typen sei es o.k., aber die müssten dann braune Beine haben. Völlig unscharf finden sie jedenfalls schlecht rasierte Beine und nachwachsende Stachel-Stoppeln.

Kurz vor der Sinnkrise läuft mir Ruth über den Weg. Eine Diplom-Psychologin ist genau das, was mir jetzt fehlt. Und sie liefert aus dem Stand eine rasiermesserschafe Analyse: Die unbehaarten Beine sind ein Signal, das von Außenstehenden kaum bemerkt wird, aber für Eingeweihte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten "Elite" definiert, so eine Art Männerbund. Die bessere Sichtbarkeit der Muskulatur gehört dabei zum internen Imponierverhalten. Und die Wirkung auf Frauen? Ruth, sag mir die Wahrheit! "Frauen registrieren das zunächst nur unbewusst. Vielleicht empfinden sie den Mann als betont männlich, wegen der Muskeln. Bei Frauen gibt es übrigens auch so ein versteckt wirkendes Mittel: Rasierte Beine sind das funktionale Äquivalent zum Lidstrich." Noch Fragen?

 

 

Jörg Spaniol

aus Radmagazin TOUR 7/95

gekürtzt und zusammengefasst von Christian Werner